Heute kommt die Titelgeschichte der Ausgabe 3/2014 für alle, die quiek! noch nie gelesen haben. Also jederzeit Online abrufbar. 😉 Das passiert im Rahmen des 2.Geburtstags des Herausgebers Moehschweinchenfarm. 2 Jahre und soviele Projekte, die nur durch die Moehschweinchenfarm entstanden sind. So wie eben auch quiek!! Viel Spaß beim lesen.

cover3-fertig-kleinKalt ist sie, diese Nacht im November 2009. Ein eisiger Wind weht über uns hinweg. Es ist dunkel. In der Ferne hören wir unheimliche Geräusche aus einem Waldstück. Wir haben Angst. Ich sitze zusammen mit meinem Papa und meiner Mama in einem Karton. Ohne Futter, ohne wärmende Unterlage, ganz allein im Nirgendwo. Meine Mama ist hochträchtig und wir erwarten die Babies in Kürze. Vielleicht sogar heute Nacht. Aber was ist, wenn uns ein Fuchs findet? Oder ein Marder? Oder wenn uns niemand findet?

Stundenlang harren wir aus. Dann plötzlich hören wir Motorenlärm. Ein Auto nähert sich. Lichter blenden auf. Schritte folgen. Wir sind entdeckt! Ein Mann nimmt uns mit und bringt uns zu seiner Frau. Endlich an der Wärme. Aber immer noch ist da die Angst. Was wird mit uns geschehen? Böse Menschen haben uns entsorgt wie Müll. Sind diese Menschen hier besser zu uns? Wir kuscheln uns eng aneinander und geben uns gegenseitig Halt und Schutz.

Die Frau ist Tierheilpraktikerin und schaut zuerst auf unsere Geschlechter. Wir zittern vor Angst. Ich darf bei Mama bleiben, ­ vorerst. Aber unseren Papa nehmen sie uns weg! Wir sind entsetzt. Papa, komm zurück!!! Aber er darf nicht. Es sei zu gefährlich heißt es, dass er mich schwängern und meine Mama nachdecken könnte, sobald meine Geschwister auf der Welt sind. Es war der letzte Blick auf meinen Papa. Ich habe ihn nie wiedergesehen. Wir werden mit Heu und Wasser versorgt. Auch Möhren und Gurke gibt es. Vor lauter Aufregung können wir gar nicht fressen. Wir sind traumatisiert. Wir wissen nicht, was mit uns geschehen ist. Warum hat man uns einfach mitten in der Nacht ausgesetzt? Warum hat man in Kauf genommen, dass wir sterben? Wir wollen doch leben…!!!

Am nächsten Morgen ist meine Mama ganz unruhig. Ich mache mir Sorgen um sie. Die Tierheilpraktikerin erkennt, dass es nicht mehr lange dauert, bis die Babies kommen. Sie greift zum Telefon. Sie schildert die Situation einer anderen Person, die kurz danach bei uns auftaucht. Es sei kein Platz für mich, höre ich meine Erstversorgerin sagen. Der Papa wird mit in die Praxis genommen und kastriert, damit er später als Haremswächter in irgend einer Gruppe ein gutes Endplätzchen finden kann. Mama bleibt bei der Tierheilpraktikerin bis zur Geburt und Aufzucht der Jungtiere. Und ich bin übrig. Ich soll nicht alleine bleiben, sagen die Frauen. Ich brauche Artgenossen, mit denen ich mich verstehe. Keine Kaninchen, keine Hamster, keine Mäuse, sondern Meerschweinchen wie ich.

Mein neues Pflegezweibein hat eine Transportbox dabei. Sie ist völlig verzückt als sie mich sieht. Es sei Liebe auf den ersten Blick gewesen, sagt sie später. Ich bin skeptisch geblieben. Wer weiß, was mich jetzt wieder erwartet? Und ob ich meine Familie jemals wiedersehen werde? Ich hab so große Furcht vor den Menschen. Das neue Frauchen bringt mich zu sich nach Hause. Dort hat sie eine Bockgruppe mit 9 Tieren! Ich bin total baff. Insgeheim freue ich mich schon, dass ich als einziges Mädel zu so vielen Jungs ziehen darf. Da wär ich die Henne im Korb! Aber Frauchen hält das für keine gute Idee. Sie hat für mich bereits ein Notgehege aufgestellt und als Gesellschaft bekomme ich einen schwarzen Teddy­Kastraten. Am Anfang verlasse ich mein Häuschen nicht mal für das leckere Futter, mit dem sie uns verwöhnt. Ich bleibe scheu und zurückhaltend. Ich traue niemandem mehr. Wer weiß, wie oft ich noch herumgereicht werde? Ich habe gehört, wie die Frauen ausgemacht haben, dass ich nur vorübergehend hier untergebracht werde. So lange, bis eine Trächtigkeit ausgeschlossen werden kann.

Trächtige Schweinchen werden nämlich nicht vermittelt. Hinzu kommt, dass mein Pflegezweibein reine Bockhaltung hat und somit auch hier kein Platz für mich ist. Ich bin traurig. Aber ich habe Glück im Unglück. Die Bockgruppe hat 2 Brüder in der Rappelphase, die ein großes Chaos anrichten. Trotz Kastration werden sie nicht ruhiger und Frauchen steht vor einer schweren Entscheidung. Für 2 Bockgruppen fehlt der Platz. Und mittlerweile hängt sie so sehr an mir, dass sie sich nicht von mir trennen will. Das freut mich natürlich, weil es mir hier richtig gut gefällt. Sie fasst den Entschluss, ab sofort eine gemischte Gruppe zu halten. Für mich heißt das, dass ich bleiben darf! Ach, was freu ich mich!

Unter Tränen werden ein paar Böckchen weitervermittelt. Frauchen macht sich große Vorwürfe, dass sie die Jungs hergeben muss. Sie hat doch die Verantwortung übernommen und will ihrer Pflicht nachkommen. Die befreundete Tierheilpraktikerin hilft jedoch, gute Plätze für die Böcke zu finden. Eine gute Lösung bahnt sich an. Am Ende verbleiben 2 Kastrate und 5 Weibchen, mich eingeschlossen. Ich bekomme den Namen Schneewittchen, weil mein Fell so schön weiß ist. Frauchen hat viel Geduld mit mir und spricht mich immer mit Namen an. Alle in der Gruppe hören auf ihre Namen. Und dann lockt sie mich mit Futter. Sie hat einen großen Garten und kann sehr viel Biogemüse für uns ernten. Fenchel, Möhren, Rote Beete, Sellerie, Petersilie, Dill, Tomaten, Gurken, Brokkoli… ein Schweineparadies auf Erden!

Im Sommer dürfen wir raus ins Freigehege. Das ist so toll! Erst hatte ich Angst, weil mich die Geräusche irritiert haben. Das Zwitschern der Vögel, fahrende Autos, fremde Stimmen. Aber die Gruppe hat mir Sicherheit gegeben und so hab ich mir nach und nach immer mehr zugetraut. Das ging so weit, dass ich innerhalb unserer Gemeinschaft zum ranghöchsten Schweinchen aufgestiegen bin! Beim Futtern bin ich immer ganz vorn mit dabei. Und keiner wagt es, mir den Heu­ oder Grashalm aus dem Mäulchen zu ziehen. Nach dem furchtbaren Trauma in dieser Novembernacht will ich mir nie wieder etwas wegnehmen lassen. Mein Überlebenswille ist ungebrochen! Für mein Frauchen bin ich sowieso ihr Herzschweinchen. Wir haben eine ganz innige Beziehung zueinander. 1,5 Jahre hat es gedauert, bis ich ihr voll und ganz vertraut habe. Dann durfte sie mich am Köpfchen streicheln, ohne dass ich weggerannt bin. Das hat sie zu Tränen gerührt und uns noch fester miteinander verschweißt.

Ich weiß, dass sie alles für mich getan hätte, damit ich ewig bei ihr bleiben kann. Fast 4 Jahre war es uns vergönnt. Dann die schreckliche Diagnose: Tumor! Unheilbar! Wir sind alle sehr traurig. Wir ahnen, dass unsere gemeinsame Zeit begrenzt ist. Frauchen konsultiert die besten Tierärzte und Tierheilpraktiker. Sie gibt sehr viel Geld aus, um mir bis zuletzt eine gute Lebensqualität zu ermöglichen. Und mir geht es den Umständen entsprechend gut bis zum letzten Tag. Einer der Kastraten weicht nicht von meiner Seite, bis ich am 01. Juni 2013 nichts mehr fressen möchte. Die Stunde des Abschieds ist gekommen. Wir wissen es alle. Auch mein fürsorgliches Frauchen. Es ist schwer, diese Erde zu verlassen, wo ich die letzten Jahre so viel Zuneigung bekommen habe. Wenn ich zurückblicke, dann hatte ich ein gutes Leben. Ich war nie krank. Ich lebte in einer harmonischen Gruppe. Ich hatte viel Platz und beste Verpflegung. Und was das Wichtigste ist: Ich hatte trotz schlechtem Start im Leben erfahren dürfen, wie es ist, geliebt zu werden. Dafür bin ich unendlich dankbar.

Ich wünsche allen gequälten, ausgesetzten, vernachlässigten und verwahrlosten Kreaturen so viel Glück wie ich es hatte. Nicht alle Menschen sind böse. Viele haben ein großes Herz für Tiere und erheben ihre Stimmen für uns, wo wir keine haben.

Liebe Grüße aus dem Regenbogenland
sendet euch Schneewittchen
(geschrieben von Sun Shine – Sonja)

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One thought on “Schneewittchen – Die Titelstory 3/2014

  1. Guten Abend wollte mal fragen ob Sie vielleicht die Zeitschriften nach Hamburg schicken könnten . Bezahle die auch gerne , von der ersten Ausgabe bis zur letzten Ausgabe mit freundlichen grüßen conny

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